STALKING

Was Macht hat, mich zu verletzen, ist nicht halb so stark wie mein Gefühl, verletzt werden zu können.

William Shakespeare

Stalking

Das englische Wort leitet sich von Stalk ab und meint jagen sowie hetzen. Im konkreten Fall bedeutet es, eine Person beobachtet und verfolgt eine andere Person kontinuierlich. Der Stalker ist meist bestens über alle Aktivitäten des Opfers informiert. Dieses bemerkt anfangs nicht einmal diese häufenden Zufälligkeiten auf das aufeinander treffen mit dem Jäger. Meist beginnt alles ganz harmlos.  Wie in meinem Fall. Ich war zweimal Opfer. Aber es genügt lediglich von einem konkreten Fall zu schildern, um die Auswirkungen von Stalking zu verdeutlichen.

Es war im Sommer zu der Zeit der WM 2010. Sommer, Sonne und gute Laune konnte man überall in Hamburg spüren. Nicht einmal die Arbeit oder gar anstehende Überstunden konnten das Gemüt trüben. Jenem schönen Morgen war ich beschwingt auf dem Weg zur Arbeit. Plötzlich erklang neben mir eine männliche Stimme. “Das sind aber schöne lackierte Fingernägel. Passend zur WM.” Ich trug die Farben der deutschen Flagge auf meinen Nägeln. Irritiert schaute ich von meinen Fingernägeln den Mann mit dunklem Haar an. “Ja, das stimmt. Passend zur WM.” Unbeirrt folgte ich meinem Pfad weiter. Doch der Herr wollte mich anscheinend in ein Gespräch verwickeln. Höflich wie ich war, folgte ich dem Smalltalk. Ich dachte mir nichts dabei. schliesslich war WM und alles um einen herum schien offener und ausgelassener als sonst zu sein.

Als ich den Eingang meiner Firma passierte, folgte mir der Mann mit den kurzen Haaren. Zusammen fuhren wir in die oberste Etage. Ich wunderte mich lediglich, warum er keinen Halt gedrückt hatte. Doch dachte mir nichts dabei, denn es gab auch Boten und Besuch, die zu uns in die Firma kamen. Doch als ich ausstieg, meinte er, er habe vergessen seinen Halt zu drücken.

Am nächsten Tag wurde mir während der Arbeit ein Gespräch durchgestellt. Jemand war auf der Suche nach einer sympathischen Dame mit bunten Fingernägeln, ob ich wüsste wer gemeint sei. Ich war so perplex und verneinte dies. Später dämmerte mir, dass es womöglich dieser Typ gewesen sein musste. In meiner Pause begegnete ich dem Mann erneut und er verwickelte mich

wieder in ein Gespräch und überreichte mir seine Visitenkarte. Er wollte gern mit mir die Mittagszeit verbringen. Höflich lehnte ich ab mit der Begründung, ich mache stets Pause mit meinen Kollegen und habe keine Zeit. Doch er beharrte, dass ich bestimmt einmal Zeit finden würde. Das Spiel mit den zufälligen Begegnungen häufte sich.

Zu Beginn hielt er Abstand zu mir, wie man es von Fremden auch erwartete. Doch mit der Zeit gewann er wohl an Vertrauen. Stück für Stück näherte er sich und ich spürte ein leichtes Unbehagen. Dennoch verhielt ich mich höflich. Getan hatte er mir nichts. Es war nur dieses Gefühl, welches sich in mir verstärkte. Eines Tages kam der Tag an dem er mich an meiner Bahnstation abpasste. Er musste meine üblichen Arbeitszeiten herausgefunden haben.

Obwohl ich mittlerweile abweisend, aber höflich blieb, änderte es nichts. Er passte mich stets ab und wenn ich nicht mit ihm sprach verfolgte er mich einfach nur.

Ich änderte meine Bahnzeiten, so dass ich ihm nicht mehr begegnen musste. Doch wie durch Zufall musste er an einer Haltestelle gewartet haben. Ich dachte er hätte mich nicht gesehen, und ich ging eine komplette Bahnstation zu Fuß. Doch er passte mich wieder ab. Es war wie verhext. Wie sollte ich bloß diesen Mann loswerden? Ich wollte nicht unhöflich oder unfreunlich werden, denn er sagte nichts, was micht dazu veranlassen ließ. Es war nur dieses mittlerweile  panische Gefühl. Selbst als ich früher Feierabend machte, stieg er in meine Bahn. Er setzte sich dicht neben mich und ein unbeschreibliches Ekelgefühl durchflutete mich. Es war nicht nur, die Art wie er sich dicht neben mich setzte, sondern seine Blicke. Als würden seine Augen mich regelrecht verschlingen und entkleiden.

Monatelang änderte ich die Route meines Arbeitsweges und sobald ich ihn erblickte, tat ich so als würde ich ihn nicht sehen. Wenn ich Kollegen unterwegs traf, klinkte ich mich bei denen ein. War ich allein holte ich mein Handy heraus und telefonierte, oder tat einfach so. ich schaute mich ständig um, da ich sichergehen wollte, dass er mir niemals nach hause folgte. Sobald er irgendwo war, entschwand ich irgendwo in einem großen Geschäft oder ich fuhr zu meinen Eltern. Obwohl er mich nie nach hause verfolgte, litt ich an Paranoia. Jedes Mal, wenn jemand hinter mir ging, erschrak ich und dachte er sei es. Hörte ich ein Geräusch an der Tür, dachte ich, er hätte mich gefunden. Sogar des Nachts beschäftigte mich dieses Thema so sehr, dass ich an Albträumen litt.

Ich überlegte was ich tun sollte, holte mir Rat von Freunden und Kollegen. Solange ich jedoch nichts konkretes in der Hand hatte, konnte ich nichts tun. Informationshalber rief ich bei der Polizei an. Diese bestätigte mir, man könne solange keine Übergriffe und Beweise vorliegen, einfach nichts tun. Also musste ich selber das in den Griff bekommen. So übte ich mich im Ignorieren. Ich tat nur

noch so als sei dieser Typ Luft. Es schien zu klappen. Denn er sprach mich nicht mehr an. Es blieb nur noch bei dem gierigen Blick. Irgendwann war der Mann verschwunden. Es war als würde eine Last von mir fallen.

Bedauerlicherweise musste ich feststellen, dass der dunkelhaarige Typ immer noch in meiner Nähe arbeitet. Jedes Mal, wenn wir uns zufällig begegnen, sehe ich ihn einfach nicht. Doch ich weiß, dass er mich immer noch so stechend anstarrt. Ich darf meine Angst und Panik nicht wieder erwachen lassen, dann würde er gewinnen. Mittlerweile steigt sogar richtige Wut in mir hoch und ich würde ihn am liebsten einfach nur anschreien, dass er aufhören solle mich immer so gierig anzuglotzen. Doch das Umfeld hält mich davon ab. Man würde als außenstehende

Person eher vermuten bei mir sei etwas nicht ganz sauber.

Das schlimmste am Stalking ist dieses Gefühl hilflos ausgeliefert zu sein in einer Situtaion, die man nicht will. Man kann spüren was nicht richtig läuft, aber kann es nicht greifen, weil es oftmals an Belegen mangelt.

Diese eine Situation ist noch eine harmlose Variante. Es gibt natürlich noch wesentlich härtere Abstufungen, aber egal wie hart die ist, dass Gefühl in diesem Moment kann keiner, der es nie erlebt hat nachfühlen. Viele mögen sagen, warum hast du ihn nicht einfach angeschrien? Oder warum wurdest du nicht konkreter? Ja, warum? Oft reagiert man in gewissen Situationen anders als man glaubt. Vielleicht, weil man es selber nicht wahrhaben will, dass man in eine Situation geraten ist, die einem gar nicht gefällt. Ich habe mich auch oft gefragt, ob ich vielleicht selber übertreibe. Ein Bekannter meinte, dass ich möglicherweise mir das nur einbilden würde. Aber mein Gefühl sagte mir, in keinem Falle.

Habt ihr ähnliche Erfahrungen erleben müssen? Wie seid ihr damit umgegangen?

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6 Comments

  • Hey,
    hbe deinen Beitrag gerade regelrecht verschlungen, Erfahrungen mit diesem Thema habe ich zwar (zum glück) noch nicht gehabt, dennoch finde ich deinen Artikel wirklich richtig gelungen! Vom Text mal abgesehen, dieses Bild, einfach wow!
    LG Lina 🙂

  • Hi Lina,
    danke schön, dass ist lieb von dir.
    Ich dachte, dass Bild passe ganz gut zu dem Thema, um ein Gefühl zu vermitteln.
    Liebe Grüsse und hab einen schönen Abend 🙂

  • Das geht unter die Haut. Ich war zum Glück auch noch nie direkt betroffen, aber ich konnte richtig mitfühlen und hab beim Lesen selbst eine richtige Wut bekommen und in meinem Kopf gleich einen Schlachtplan erstellt, was ich tun würde (Selbstverteidigungskurs besuchen, am Handy imaginären Zuhörern laut von dem Psycho erzählen so dass er es hört, ihn beschimpfen). Das ich sowas in der Wirklichkeit wahrscheinlich genauso wenig gemacht hätte wie du, einfach nur aus Angst, dass es dadurch noch schlimmer wird, ist mir aber auch klar.
    Spannendes Thema, dass zum Nachdenken anregt…

    Grüße
    Julia

  • Hi Julia,
    ja, wenn man so etwas im Film sieht oder ein Buch darüber liest, ist man richtig wütend und würde alles mögliche tun. Ich hätte auch gedacht, ich würde agressiver reagieren können, aber man hat echt Angst, dass es schlimmer werden könnte. Danke für deine Zeilen.
    Liebe Grüsse,
    Svenja

  • Hallo,
    da ich demnächst auch einen Artikel über Stalking schreiben werde – wenn auch aus der Sicht mit einem weiblichen Stalker -, interessierte mich Dein Artikel natürlich sehr.

    Ich finde, Du hast die Situationen sehr gut beschrieben und auch sehr gut gehandelt. Ich hoffe, dass er es mittlerweile wirklich einstellt, hinter Dir her zu sein.

    LG Ivi

  • Hi Ivi,
    ich finde es sehr spannend, dass du auch über dieses Thema schreiben möchtest. Als Betroffene interessiert es mich besonders wie andere damit umgegangen sind. Und es tut gut auch von anderen zu hören wie sie das sehen. Man fühlt sich mit dem Thema nicht mehr so allein. In meinem Umfeld gibt es keine Person, die so etwas zuvor erlebt hat. Ich gehe davon aus, dass er es eignestellt hat, denn ich habe nun länger nichts mehr gehört oder geehen und bin bis dato sehr froh darüber.
    Liebe Grüsse,
    Svenja

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