MAGERSUCHT (ANOREXIE) – KRANKE SCHÖNHEIT

Spätestens seit GNTM (Germanys Next Topmodel) liest man in den Klatschblättern „Der Schönheitswahn führt zur Magersucht“. Die Medien beeinflussen zwar zum Teil das Schönheitsideal, doch führt das nicht zwingend zur Magersucht. Die Ursache dafür ist meist woanders zu suchen. Gern wirft man Magersucht, Bulimie und sehr schlanke Menschen in einem Topf. Wer zu dünn ist, wird gleich als magersüchtig abgestempelt. Mit solchen Aussagen sollte man jedoch sehr vorsichtig sein. Man kann damit eine sehr unschöne Lawine ins rollen bringen. Außerdem wäre es auch absoluter Blödsinn jeden als magersüchtig zu verdächtigen, nur weil man nicht dem „Standardmaß“ entspricht. Es gibt etliche Gründe warum einige Menschen zu dünn oder zu dick sind. Oh, Wunder es gibt sogar Personen, die krank sind und eine „normale Figur“ aufweisen. Spekulationen über die Entstehung von Magersucht mag es viele geben. Ich möchte euch deshalb heute die Geschichte eines Mädchens erzählen, die in die Magersucht rutschte.

Magersucht – Die Macht der Psychologie

magersucht-schoenheitswahnMagersucht – Die Entstehung

Als Kind ist man frei von jeglichen Vorurteilen. Mit dem eigenen Körper beschäftigt man sich in der Regel recht wenig. In erster Linie erkundet ein Kind die Welt mit seinen Augen. So war es auch bei mir. Ich machte mir weder um mein Aussehen, noch um meine Person Gedanken. Sorglos lebte ich mein Leben. Ich hatte alles was ich brauchte und es mangelte mir an nichts. Ein Teil meiner Welt zersplitterte als ich mehr durch Zufall erfuhr, dass meine Eltern sich getrennt hatten. Mit 6 Jahren kann man bestimmte Dinge nicht klar erfassen. Man glaubt den Geschichten der Erwachsenen. Wie sollte ich auch zwischen Lüge und Wahrheit unterscheiden können? Ein Kind ist aufgrund seiner Unschuld nicht in der Lage bestimmte Situationen zu erkennen. Doch das Leben geht weiter. Irgendwann gab es eine neue väterliche Rolle mit Verwandschaft. Irgendwo dazwischen entwickelte ich Magenprobleme. Das Essen schien mir nicht mehr wohlgesonnen zu sein. Ich war nicht mehr in der Lage einen vollen Teller zu leeren. Danach war mir übel und ich litt unter Magenkrämpfen. Nach dem Essen musste ich mich immer hinlegen und abwarten bis es mir besser ging.

Dann kam noch hinzu, dass ich auf einmal meinen vollen Teller leeren sollte. Früher musste ich das nie. Aus Protest saß ich manchmal über eine Stunde vor dem unangerührten Teller. Ich war der Meinung, wenn man satt war, war man satt. Warum sollte ich mir unnötig etwas hineinzwängen. Neue väterliche Rolle, neue Gesetze! Mir gefiel das neue Gesetz nicht. Ich hatte eine andere Sichtweise, denn mir wurde von klein auf an etwas anderes beigebracht. Somit kollidierten zwei Ansichtswelten aufeinander. Als mir auf Familienfeiern dann noch gesagt wurde, dass ich so einen fetten Arsch wie ein Brauereipferd hätte, verletzte mich das zutiefst. Mir war klar, dass das nicht stimmen konnte, denn ich war dünn. Aber je öfter man etwas gesagt bekommt, je mehr glaubt man es am Ende. Besonders in der Phase der Pubertät, die eine geballte Ladung voller Chaoshormone ist, kann man einen Teenie schädigen. Die größte Gefahr magersüchtig zu werden ist während der Teenagerzeit. Nachdem ich oft genug aus der Verwandschaft und auch von Fremden wegen meiner Figur sowie meines Ausehens gehänselt wurde, begann ich mich für mich zu schämen.

Ich war so unendlich traurig, dass das Aussehen eine so große Rolle spielte. Früher hatte ich angenommen es sei unerheblich. In meinen Vorstellungen kam es doch auf den Charakter an. Aber die Menschen waren oft oberflächlich eingestellt. Ich fragte mich, warum man mir mit Absicht weh tat. Wussten diese Personen nicht, dass es verletzend ist? In meiner Erziehung hatte ich gelernt stets höflich zu sein und jedes Individum mit Respekt zu behandeln. Vielleicht lag es auch daran, dass ich mit von meiner Großtante erzogen worden bin. Sie wurde Anfang des 19.Jahrhunderts geboren und war eine „Grande Madame“, wie man heute sagen würde.

Eines Tages war es meiner Mutter zu viel und wir gingen zum Arzt. Laut Diagnose war ich zu dünn und würde an Magersucht leiden. Ich war ganz und gar nicht der Meinung. Schliesslich aß ich noch. Mein Aufstand nütze nichts. Ich wurde auf Kur geschickt. Dort sollte ich ein normales Essverhalten lernen. Also verfrachtete man mich in den Allgäu. Das kuriose war, dass man vor Ort Magersüchtige mit Übergewichtigen in ein und dem selben Speiseraum steckte. Gemeinsam speisten wir. Mit dem Unterschied, dass die Übergewichtigen weniger zu essen an ihrem Tisch hatten. Immer wenn mal kein „Aufseher“ da war, bedienten die Übergewichtigen sich an dem Tisch der Magersüchtigen. Die hatten ja eh kaum apetit. Ein Mädchen aus meiner Gruppe aß so gut wie nie etwas. Sie musste immer vor jeder Mahlzeit ein Mittel verabreicht bekommen, damit sie überhaupt etwas aß. Mit der Zeit lernte ich normal zu essen und es gab genügend therapeutische Maßnahmen in Form von Unternehmungen.

Magersucht – Die Auswirkungschoenheit

Obwohl sich mein Essverhalten besserte und ich zunahm bis ich ein normales Gewicht erreichte, konnte man aus meinem Kopf nicht verbannen, dass ich mich „dick und hässlich“ fühlte. Die Ursache dafür war vermutlich tiefer verwurzelt. Im Kindesalter wurde mir immer wieder von irgendwelchen Spielkameraden eingetrichtert, dass ich einfach hässlich und fett sei. Im Kindesalter traf ich auch auf Jugendliche, die mir vor Augen führten, dass so eine Person wie ich einfach zu hässlich sei, und ich zudem auch noch einen „bescheuerten Charakter“ hätte. Man schloss mich teilweise auf dem Spielplatz vom spielen aus. Obwohl ich fragte, warum sie so über mich dachten, gab es keine für mich plausible Erklärung. Es war einfach so. Ich akzeptierte deren Meinung. Ich distanzierte mich von diesen Menschen. Ich versuchte mich zu ändern, ich wollte dazu gehören, wollte akzeptiert werden und aus mir wurde schliesslich ein sehr nachdenklicher Mensch.

Wenn man in frühster Kindheit bestimmte Erlebnisse hinter sich hat, prägt das und hinterlässt Spuren. Mit der Zeit verarbeitet man diese, aber manche Erlebnisse werden verdrängt und sie geraten in Vergessenheit. Während meiner Kur ging es in erster Linie nur darum mein Essverhalten zu normalisieren. Ich blühte auf und es ging mir besser bis sich das Blatt wendete. Gerade als ich mich wieder einigermaßen wohl fühlte und nicht mehr über mein Aussehen nachsann, wurden alte Wunden aufgebrochen. Ich hatte mich mit einigen Mädchen angefreundet. Irgendwann kippte es. Ich war kein Mensch der zu allem Ja und Amen sagt und das war das Problem. Sobald ich mich nicht mehr wohl fühlte, teilte ich das meiner Umgebung mit. Wenn man jedoch auf Menschen stößt, die es gewohnt sind ihren Willen zu bekommen, liegt Ärger in der Luft. Die Situation eskalierte soweit, dass ich gemobbt wurde. Es entstand eine regelrechte Hetzjagd, die von 3 Mädchen initiiert wurde. Die Mädels stachelten alle im Umfeld an mitzumachen. Mit zwei Mädchen davon musste ich mir ein Zimmer teilen. Es war die Hölle. Obwohl ich die Erzieherinnen bat mich woanders unterzubringen, wurde dies wissentlich ignoriert. Das ganze Gebettel und Geweine brachte nichts. Ich musste da durch. Also begann ich mich vor den anderen zu verstecken. Ich ging jeder neuen Konfrontation aus dem Weg.

Doch wenn mich der „Mob“ erwischte, wurde ich geschubst, gehänselt, ausgelacht, beklaut, mit Wassereimern übergossen und gehetzt. Ich fühlte mich wie Freiwild, das auf der Flucht war. Dann gab es da noch den Bruder, der zwei Mädchen, die Zwillinge waren. Ich weiß nicht, ob er angestachelt wurde oder nicht, aber er begann auf einmal mich sexuell zu belästigen. Der „Mob“ warf mir vor, dass ich das doch wollte. Ich wehrte mich und meldete das den Erzieherinnen. Doch ich schürte den Hass des „Mobs“. Der Junge begann dann mich mit Gewalt zu demütigen. Er schubste mich und zog mir an den Haaren. Er versuchte mir die Haare herauszureissen, so dass ich Wunden am Kopf davon trug. Die vermeindliche Heilung von Magersucht verwandelte sich in ein tiefenpsychologisches Problem. Es schien als wollte keiner vor Ort der Pädagogen sehen was da ablief. Unter den Fachleuten schien auch inkompetentes Personal am Werk zu sein. Ansonsten hätte man den einen oder anderen ausgetauscht. Es gab sogar einen Erzieher, der den Mädchen stets beim Duschen unverhohlen zusah. Wir fühlten uns alle begafft. Es war sehr unangenehm. Als wir dies zur Sprache brachten, wurde selbst das abgetan, man solle sich nicht so anstellen.

Es gab feste Telefonzeiten während des Kuraufenthaltes. Also versuchte ich jedes Mal meine Mutter zu überreden mich abzuholen. Ich hätte vielleicht erklären sollen, was los war. Aber wie oft es bei Kindern so ist, erzählen sie nicht alles. Nicht weil man es nicht will, sondern weil man einfach nicht daran denkt. Ein Kind sieht in dem Moment nur, dass es weg will, um einfach der Situation zu entgehen. Als Kind wurde mir jedoch nie beigebracht über Probleme zu sprechen oder eine Lösung zu finden, somit entwickelte ich mich zu einem Menschen, der in erster Linie alles mit sich selbst ausmacht.

Magersucht, Schönheitsideal & eine verkorkste Psyche

Die Magersucht ist eine Krankheit, die durch psychische Belastungen ausgelöst wird. Meist sind Personen betroffen, die eine Veranlagung zum Perfektionismus, Ehrgeiz und ein großes Pflichtbewusstsein hegen. Für diese Menschen ist es sehr belastend, wenn sie die Kontrolle verlieren. Es gibt im Leben Momente, die man einfach nicht kontrollieren kann. Doch gerade für Menschen mit dem Hang zum Perfektionismus, ist das ein Schlag ins Gesicht. Sie sind extrem selbstkritisch, analysieren und wägen jede Situation ab, um das best mögliche Ergebnis zu erzielen. Bemerken sie, dass eine Situation außerhalb ihrer Kontrolle liegt, kompensieren sie das in dem sie ihren Körper kontrollieren. Das funktioniert immer. Natürlich machen Magersüchtige das nicht bewusst. Oft ist den Personen gar nicht klar, dass sie ein psychisches Problem haben aufgrund verschiedener Erlebnisse, die nicht richtig verarbeitet worden sind. In erster Linie impliziert man Magersucht immer mit dem medialen Schönheitswahn der propagiert wird. Das ist aber schlichtweg falsch. Magersucht geht immer einher mit einer psychischen Belastung.

Magersucht & Hilfe leisten

In erster Linie sollte man tunlichst vermeiden Therapeut zu spielen. Es wäre auch absolut falsch über die Eßgewohnheiten und dem Gewicht zu reden, denn im Grunde geht es nicht darum. Viel mehr sollte man der Person das Gefühl geben für sie da zu sein. Verständnis und Geduld sind hierbei besonders wichtig. Heilung dauert. Immer wieder wichtig wäre es dem Betroffenen zu ermutigen Hilfe anzunehmen.

Die Psyche ist ein hauchdünnes Gefäß, dass jeder Zeit zerbrechen kann

Magersucht & Schönheitsideal

Wer an Magersucht leidet entwickelt im Laufe der Zeit ein abnormes Verhalten zu seinem Körper. Irgendwann verliert man den Blick zur Realität. Der Blick in den Spiegel zeigt dem Betroffenen einen Körper den es zu formen gilt. Es wird nicht gesehen was man an Gewicht verloren hat. Die verzerrte Wahrnehmung zeigt einem nämlich etwas ganz anderes. Deshalb bringt es nichts mit dieser Person über die Figur zu diskutieren. Im Kopf hat sich der Gedanke manifestiert, dass man abnehmen müsse. Möglicherweise lösen sich dadurch gar Probleme. Vielleicht würde die Umwelt auf einen plötzlich anders reagieren. Falsche Freunde mit falschen Schönheitsiddealen können Betroffene auch noch zusätzlich motivieren weiter abzunehmen. Denn wenn diese einen loben für den Gewichtsverlust, fühlt man sich bestätigt. Die Gewichtsabnahme bedeutet für viele sich seelisch von Balast zu befreien. Die Gewichtszunahme ist oft nicht möglich, weil der Betroffene sich einfach unwohl fühlt. Der aufkeimende Ekel gegnüber seiner Figur ist viel größer als der Gedanke daran durch eine Mangelerkrankung zu sterben. Magersucht bedeutet aber nicht, dass man nicht auf den Körper achtet. Das klingt wie ein Widerspruch in sich und ist es vermutlich auch. Auf der einen Seite achtet man auf seine Hygiene und macht sich „schick“, aber der anderen Seite quält man den Körper und macht ihn durch Nahrungsentzug krank. Man bestraft sich einfach. Eine Heilung kann nur von Dauer gekrönt sein, wenn es im Kopf „klick“ macht.

Wahre Schönheit bringt zum Ausdruck, was für ein Mensch man ist und woran man glaubt

Ellen Degeneres

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4 Comments

  • Ein wirklich toller und ehrlicher Beitrag, ich finde es super wie offen du mit dem Thema umgehst. Fast noch schlimmer als den Magerwahn, finde ich den „Fitnesslifstyle“ der einem aktuell vorgelebt wird, der aber von niemandem hinterfragt sondern eher noch aktiv gefördert wird. Das sich teilweise 15-16 Jährige mit schweren Gewichten ihre knochen und mit Proteinshakes ihr Wachstum kaputt machen, sieht dabei niemand :/

    Liebe Grüße
    Stephi von http://stephisstories.de

  • Danke schön 🙂 Ja, da hast du recht. Ich habe auch schon daran gedacht dazu zu schreiben. Sport in allen Ehren, aber man muss bedacht den ausleben. Gerade junge Menschen im Wachstum dürfen nicht übertreiben. Als ich damals anfing mit dem Sport, habe ich mich ausgiebig beraten lassen, da gab es auch eine Altersgrenze. Fitnessstudio erst ab 16 Jahren mit Begleitung eines Erwachsenen…aber das haben viele Studios irgendwie wieder abgeschafft oder es geriet in Vergessenheit. Sehr bedenklich. Gerade mit den großen Gewichten.

  • Hey Liebes, ein sehr schöner Post, auch wenn das Thema eher weniger schön ist! Schade, dass du das alles durchleben musstest! Aber umso schöner ist zu sehen wie du heute bist. So hat jede Seite etwas Gutes und Schlechtes. Dein Perfektionismus macht es möglich, dass so tolle Posts entstehen! Großartig was du ausstrahlst 💜! Ich wünsche dir noch eine tolle Vorweihnachtszeit, viele Grüße! Vika von http://callmevika.com

  • Danke meine Liebe, dass hast du so lieb gesagt. Aber es stimmt, manchmal muss man bestimmte Erfahrungen durchleben, um wohl daran zu wachsen können. Ich wünsche dir auch eine ganz wunderbare Weihnachtszeit 🙂

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