EIN LEBEN DANACH

Es gibt Momente im Leben, die einen zweifeln lassen und man verliert nahezu den Glauben an das Gute. Manchmal scheint das Leben sehr ungerecht. Weise Menschen versuchen mit den Worten zu trösten, dass alles auf Erden einen Sinn hat, den man jetzt nur noch nicht begreifen kann. Vermutlich mag das sein. Trotzdem will ich bestimmte Geschehnisse nicht akzeptieren. Manche von ihnen sind Erlebnisse auf die ich gut und gern verzichten könnte. Das Leben besteht aus einem Kommen und Gehen. Ein immer wieder sich schliessender Kreislauf mit System und Logik dahinter. Wir sind lediglich hier, um an Erfahrungen wachsen zu können. Obwohl ich mir dessen bewusst bin, stimmen mich bestimmte Lebensabschnitte traurig. Der heutige Mensch hat im besten Fall eine Lebenserwartung von 100 Jahren. Doch was sind 100 Jahre schon? Die Zeit vergeht rasend. Ehe man sich versieht, wurde aus einem Baby ein Kleinkind und aus einem Kind ein Erwachsener. Zeit ist natürlich relativ, doch auf der Erde verrinnt sie schneller als einem manchmal lieb ist. Für einige von uns läuft die Zeit sogar früher ab, und zurück bleibt eine Leere, die niemand füllen kann.

Jede Wunde verheilt. Doch die Narbe bleibt. So ist es auch, wenn geliebte Seelen von uns gehen. Sie hinterlassen lediglich die Spur einer Erinnerung, die mit der Zeit zu verblassen scheint. Damit wir nicht unser Leben lang um die Verlorenen trauern, werden diese Erinnerungen in eine “Zauberschublade” gelegt. Diese Schublade wird mit der Zeit unsichtbar. Das soll uns davor schützen, die Trauer ablegen zu können und nach vorn zu blicken. Damit die Erinnerung aber nicht komplett in Vergessenheit gerät, zeigt sie sich von Zeit zu Zeit. Meist geschieht das dann, wenn bestimmte Erlebnisse uns an vergangene Situtaionen erinnern. Es ist nicht so, dass jede Erinnerung mit Schmerz erfüllt ist. Die Zeit schwächt die Trauer und den Schmerz ab, bis man zurück blicken kann ohne jedes Mal in Tränen auszubrechen. Wie schlimm wäre es auch, wenn bei jeder Erinnerung das Herz aufs neue gebrochen werden würde. Nichtsdestotrotz gibt es kleine Momente im Leben, die einen erinnern und ganz bitterlich weinen lassen. Bei mir sind es Augenblicke, wo ich bestimmte Gesten und typische Abläufe vermisse, die einfach unersetzlich sind.

Nicht den Tod fürchten wir, sondern die Vorstellung von ihm.

Lucius Annaeus Seneca

“Nach deiner Reise musst du mich endlich mal besuchen und wir schauen uns gemeinsam deine Urlaubsbilder an.” sagte mein Vater während wir gemütlich beisammen in einem kleinen Restaurant zu Mittag speisten. Es war das erste Mal, dass er mich zu sich einlud. Viel zu lange hatte ich auf diesen Moment gewartet. Wären die ganzen Umstände, Missverständnisse und das das Unausgesprochene nicht gewesen, wäre alles vielleicht ganz anders gekommen. Aber ich habe nie wirklich meinen Gefühlen freien Lauf gelassen. Ich war stets abwartend und geduldig gewesen. Warum war alles bloß so kompliziert?

Hätte man von Anfang an mit offenen Karten gespielt, wäre das Verhältnis ganz anders gewesen. Stattdessen trafen wir uns heimlich. Ich habe das nie verstanden. Ich war doch seine Tochter. Ich hatte das Gefühl, dass er seine neue Familie mir gegenüber bevorzugte. Dabei waren es nicht einmal seine leiblichen Söhne gewesen. Sie hatten den Teil meiner Familie, den ich jahrelang nicht hatte. Ich musste das akzeptieren. Ich war nie wütend darüber, nur traurig. Wie sehr habe ich andere Kinder um ihre vollständige Familie beneidet. In der Umgebung war ich ein Außenseiter diesbezüglich. Alle hatten zwei Elternteile, nur ich war das Kind ohne Vater. Ich  war das typische Scheidungskind. Keiner meiner Freunde konnte sich ausmalen, wie es sein würde mit nur einem Elternteil zu leben. Ich hatte ein schönes Leben, keine Frage. Aber dennoch ist es nun einmal eine Tatsache, dass nach einer Scheidung etwas zerbricht. Nicht ohne Grund trennen sich Eltern. Bis zu meinem 6.Lebenjahr war die Welt in Ordnung bis sie ins wanken geriet.

Nun sitze ich mit meinem Vater in diesem Restaurant. Er hatte Pläne und ich Wünsche. Es schien als würde sich nun das Blatt wenden,und wir hätten die Chance unsere Beziehung aufzuarbeiten. Es war ein schönes Gefühl. Es war leider das letzte Mal, dass ich ihn je wiedersehen würde. Am nächsten Morgen ging mein Flieger in die dominikanische Republik. Meine Freundinnen und ich reisten unwahrscheinlich gern. Jetzt wollten wir die Karibik erobern. Es war ein wahnsinnig langer Flug. Jeder von uns freute sich endlich im Hotel anzukommen. Kaum war der Flieger gelandet und wir hatten wieder Boden unter den Füßen, erhielt ich einen Anruf meiner Mutter. Aufgelöst teilte sie mir mit, dass mein Vater einen Herzinfarkt erlitten hatte und in ein künstliches Koma gelegt wurde. Das war ein Schlag in die Magengrube. Ich versuchte objektiv zu bleiben. Möglicherweise würde alles gut enden. Warum musste es genau jetzt passieren?

Die nächsten Tage waren ein Auf und Ab. Ich versuchte meine Gedanken positiv zu lenken, wobei ich teilweise kläglich versagte. Ich wollte außerdem die Urlaubsstimmung nicht verderben, was mit nur bedingt gelang. Wir prüften Rückflüge für mich, aber das war immens teuer. Ich hatte nicht einmal mehr Geld für einen Rückflug über. Aber selbst wenn, was konnte ich tun? Nichts außer warten! Letztendlich erhielt ich einen Anruf von der Frau meines Vaters. Sie fragte mich, ob ich kommen könnte, sie wollten die Maschinen zur Lebenserhaltung abstellen. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie ich mich gefühlt habe. Es gingen so viele Gedanken und Emotionen durch meinen Kopf. Ich war gefangen in einem Alptraum. Ich fühlte mich machtlos und hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich keinen Rückflug nahm. Ich fühlte mich wie eine Verräterin. Aber ich wollte auf der anderen Seite nicht zurück. Solange ich in der Karibik war, schien mir das alles nicht wirklich real. Es war als könnte ich noch aufwachen und alles wäre wie zuvor. Irgendwie klammerte ich mich an die Karibik. Ich suchte Trost am Meer.

Ein Leben

Mir graute vor der Heimreise. Zuhause musste ich mich der Realität stellen. Die Tage vergingen und ich wollte nicht über das Thema sprechen. Ich wollte diesen Schmerz und diese Trauer nicht spüren. So gut es ging unterdrückte ich alle Emotionen. Irgendwann teilte mir meine Mutter mit, dass sie aus der Zeitung erfahren hätte, dass die Trauerfeier meines Vaters stattfinden würde. Ich war es nicht einmal wert von der Familie meines Vaters informiert zu werden. Vermutlich hatten sie ihre Gründe. Vielleicht hätte ich mich bei der Frau meines Vaters melden sollen, doch ich konnte es nicht. Ich konnte es einfach nicht. Ich wollte eigentlich nur weglaufen. Meine Mutter ging mit mir zu der Trauerfeier. “Es ist wichtig, dass du hingehst. Sonst würdest du es irgendwann bereuen.” Wir saßen in der letzten Reihe und ich saß wie versteinert da. Zum Glück hatten wir uns 4 Baldrian Tabletten eingeworfen. Ich bildete mir ein, so meine Emotionen besser unter Kontrolle zu haben. Während der Rede wurde ich in nur einem kleinen Satz nebenbei bemerkt. Ein kleiner Stich traf mich.

Die vermeindliche Familie saß in der ersten Reihe und nahm, dass Trauern sehr ernst. Die Frau meines Vaters erlitt nahezu einen Zusammenbruch und musste gestützt werden. auf der einen Seite hatte ich Mitgefühl, auf der anderen Seite spürte ich Wut in mir. Ich kam mir vor, wie ein stiller Beobachter. Wie jemand, der sich einen Film ansah. Als alle den Trauersaal verließen, flüsterte meine Mutter mir zu, ich sollte nach vorne gehen und mich verabschieden und mir so viel Zeit nehmen, wie ich möchte. Abseits teilte sie dem verwirrten Priester mit, dass ich die Tochter sei. Ich glaube ihn hat das verwirrt, weil ich nicht vorne bei der Familie mitsaß. Die Trauergemeinde machte sich auf den Weg zum Essen. Niemand bekundete uns sein Beileid oder lud uns zum Trauermahl ein. Nur mein Onkel und meine Kusine kamen auf uns zu. Ich kann immer noch nicht mit Worten beschreiben, was alles in mir vorging. Ich kann nicht einmal sagen, was richtig oder falsch gewesen wäre. Jeder reagiert in extremen Situationen anders.

Ich glaube meine Kaffeeliebe entwickelte ich durch meinen Vater. Immer wenn wir uns trafen, tranken wir einen Cappucchino und manchmal gönnten wir uns ein Stückchen Marzipantorte zu einem guten Gespräch oder einen Film. Ich vermisse all das. Ich vermisse unsere Zukunft, die wir haben hätten können. Meine einzigen Erinnerungen sind rar und kostbar. Das wertvollste was ich besitze ist eine goldene Kette mit Brillant, die er mir schenkte. Ich erinnere mich noch an seine Worte, “Eine Frau die etwas auf sich hält, trägt echten Schmuck. Man solle nicht übertreiben, aber man könne ruhig zeigen was man hat.” Mein Vater achtete immer penibel darauf was er trug. Eine seiner Lieblingsmarken war Boss und Philips. Vermutlich sind auch deswegen diese beiden Marken mir so ans Herz gewachsen.

Ein Leben danach

Ein Leben danach

Oft frage ich mich, ob es wirklich ein Leben nach dem Tod gibt. Wie mag es wohl sein, wenn die Seele ihren Körper verlässt. Niemand kann dies mit Gewissheit beantworten. Lediglich Personen, die eine Nahtoderfahrung erlebt hatten. Wenn man diesen Menschen glauben schenkt, gibt es ein danach. Mir erscheint die Hoffnung auf ein danach, welches mit einem Wiedersehen verbunden ist, schön. Das bedeutet für mich, dass ich dann in der Lage sein werde den Verstorbenen mitteilen zu können, wie sehr mir ihre Anwesendheit gefehlt hat. Ich kann mir nur schwerlich vorstellen, dass nach dem Tod alles vorbei sein soll. Man sagte doch immer in jeder Geschichte steckt ein Fünkchen Wahrheit. Sogar in den Heiligen Schriften wird über ein Leben nach dem Tod gesprochen. Keiner der Lebenden kann jedoch mit Gewissheit sagen, was sein wird. Wir werden es erst selber wissen, wenn unsere Zeit gekommen ist.

Schmetterlings Sterbelied

„Leb’ wohl, mein Vater Sonnenschein!
Du, meine Mutter Blütenduft!
Ihr Schwestern all’ und Brüderlein
Im süßen Hauch der Himmelsluft!

Ich schwebte gern mit euch umher
In Wald und Wiese, Au und Feld;
Nie war mein Herz von Sorgen schwer,
Ungern verlass’ ich diese Welt.”

So sang der müde Schmetterling,
So sang er sich sein Sterbelied.
Kaum als er an zu leben fing,
War hin sein Leben und er schied.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)

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